Dr. Klaus Peter Walter ist Autor des "James-Bond-Buch", erschienen im Ullstein-Verlag. Der hier vorliegende Artikel war das Script einer Radiosendung von HR2 im Jahre 1985. Sein neues Werk, das im Herbst 2002 erschienene "Reclams Krimi Lexikon" nicmmt auch auf einige Bond-Werke Bezug! Vielen Dank an Klaus Peter Walter für den Artikel und die Zustimmung zur Veröffentlichung!


Nur wenigen ist bisher die Ähnlichkeit des Schicksals aufgefallen, das inner- wie außerliterarisch zwei auf den ersten Blick so gegensätzliche Figuren wie Sherlock Holmes und James Bond verbindet. Beide wurden von ihren Erfindern umgebracht, just beim Zurstreckebringen ihres Hauptgegners. Sir Arthur Conan Doyles Meisterdetektiv stürzte mit Professor Moriaty die Reichenbachfälle hinab, Ian Flemings Meisterspion fiel aus einem Ballon, welcher ihn aus dem brennenden Schloss seines Erzfeindes Blofeld trug, und M, Bonds knorriger Chef, musste einen Nachruf auf seinen Staragenten in die TIMES setzen. Jedoch: bald nach ihrem vermeintlichen Ableben kehrten beide, Holmes wie Bond, via Ostasien ins heimatliche London zurück, um die von treusorgenden Haushälterinnen instandgehaltenen Wohnungen zu beziehen, als wäre nichts geschehen.

Nach Doyles Tod wurde Holmes, nach wie vor den begriffsstutzigen Dr. Watson durch brillante Deduktionen verblüffend, von neuen Autoren auf neue Fälle angesetzt. In Deutschland taten dies Robert A. Stemmle, Curt Goetz und Zeus Weinstein, im englischen Sprachraum, unterstützt von John Dickson Carr, dem Sekretär des Vaters, der Sohn von Sir Arthur, Adrian Conan Doyle, ferner Robert L. Boyes, Michelson und Utechin, Nicholas Meyer sowie Michael Dipdin, um nur einige zu nennen. Eine Biographie von William S. Baring Gould rundet die Sherlock-Holmes-Legende ab.

Gleiches widerfuhr James Bond, der in Der Mann mit dem goldenen Colt, 1965, im Jahr nach dem Todes Flemings, veröffentlicht, noch längst nicht seinen letzten Einsatz absolviert haben sollte. Der Schriftsteller und Literaturprofessor Kingsley Amis schrieb 1965 eine ebenso gründliche wie witzige Anaylse der Bond-Saga, die Geheimakte 007 James Bond, bevor er 1968, unter dem Pseudonym Robert Markham, die erste 007-Adaption nachlieferte. Sie hieß Colonel Sun, wurde aber vom Scherz Verlag als Liebesgrüße aus Athen verkauft.

1973 ließ John Pearson seiner Biographie Ian Flemings die von James Bond folgen. Pearson greift von Fleming nur am Rande erwähnte Episoden der Heldenvita auf, um sie zu richtigen kleinen Kurzthrillern auszumalen. Dazu gehören der Sprung aus dem Arlberg Express 1956 und der Erwerb der Doppelnull durch Tötung eines japanischen Codespezialisten sowie eines norwegischen Doppelagenten.

Die Serie neuer James Bond Romane beginnt mit John Gardner, einem bisher mit Krimis und Thrillern wie Golgatha hervorgetretenen Briten. In Golgatha ruft eine marode Labour-Regierung die Rote Armee auf die Britischen Inseln, deren Befreiung nur dem beherzten Eingreifen eines Geheimagenten zu danken ist.

Dieser unterscheidet sich von James Bond namentlich dadurch, dass er Paul Fadden heißt. Dies und eine stramm antikommunistische Phantasie prädestinierten Gardner dazu, endgültig die Nachfolge Flemings anzutreten. Seit 1981 erschienen in jährlicher Folge bisher vier Bände. Der Titel des ersten, Licence renewed (Lizenz erneuert) , ist Programm und wurde bei uns - wiederum im Scherz Verlag - zum
nichtssagenden Countdown bis zur Ewigkeit. Der zweite, For Special Services, erschien im vergangenen Herbst in seriöserer Aufmachung im Marion von Schröder-Verlag, leider jedoch unter dem läppischen Titel Moment mal, Mr. Bond.

Auf die Übersetzung von Icebreaker und Role of Honour wird der deutsche Leser sicherlich nicht mehr lange warten müssen.

Worum geht es in dieser Serie? Im Grunde spielt das keine Rolle. Unwichtig, dass James Bond in der ersten Folge aus bald schon vergessenem Anlass den sinistren Laird of Murcaldy jagt, in der zweiten wieder die gerade neugegründete Gangsterorganisation SPECTRE zerschlägt, der einst Erzschurke Blofeld vorstand, und dass er in der dritten gar ein von KGB und ein paar Uraltnazis geschmiedetes Komplott gegen seine Person konterkariert, das an Abstrusität und Abwegigkeit sogar noch das von Liebesgrüße aus Moskau übertrifft. Ganz zu schweigen davon, dass er sich in der vierten Folge zum Hacker, zum Computerfreak, umschulen lassen muss.

Es geht um ganz etwas anderes. 1967 schrieb, in damals modischer bondfeindlicher Absicht, Dieter Rudloff:

Schon nach zwei Bänden ödet einen der schlechte und primitive Stil, die langweilige Handlung an, die keinem inneren dramatischen Höhepunkt, keinem glaubwürdigen menschlichen Konflikt zustrebt, sondern stets ein allzu schnell durchschaubares Handlunsgschema stereotyp wiederholt. (1)

Über die Qualität von Flemings Stil mag man streiten. Unbestreitbar ist, dass zum Erfolg der Bond Serie gerade die Variation immer gleicher Handlungselemente beigetragen hat, die Rudloff Fleming vorwirft. Der Spion, der mich liebte wich von diesem Konzept ab und enttäuschte die Fans gründlich. Diese aber wollen sich beim Lesen des neusten Bond-Abenteuers über das Wiedersehen mit wohlvertrauten Ritualen freuen, über die Instruktion durch M, das Ausstatten mit pfiffigem Equipment des genialen Geheimdiensttiftlers Q, über die Folter durch rothaarige oder rotäugige Bösewichte mit schlaffem Händedruck nach dem Eindringen in ihr Versteck, über den Showdown und schließlich über die Eroberung der "Bondine". Sie wollen in eine liebgewordene Welt eintauchen wie Dr. Watson nach Sherlock Holmes' Rückkehr in die gute alte Baker Street 221 B:

Unsere alten Zimmer waren dank der Fürsorge von Mycroft Holmes und Mrs. Hudson unverändert geblieben. Als ich eintrat, sah ich eine fürwahr ungewohnte Ordnung, aber die alten Fixpunkte waren an ihrem Platz... Die Aufzeichnungen, der Geigenkasten und der Pfeifenständer, sogar der persische Pantoffel mit dem Tabak - all dies grüßte mich beim Umschauen herzlich. (2)

Aber während die Holmes Adepten gut daran taten, ihren Helden nicht später als im beginnenden 20. Jahrhundert wirken zu lassen, verpflanzte Gardner 007 zu uns in die achziger Jahre und überschritt so die altersbedingten Möglichkeiten des Geheimagenten. Erinnern wir uns Casino Royale, 1953:
007 muss ein blendender Spieler sein, denn zwei Monate vor Kriegsbeginn saß er in einem Casino in Monte Carlo und beobachtete die rumänische Gruppe, die damals mit unsichtbarer Tinte und dunklen Gläsern arbeitete. Mit Hilfe des Deuxième Bureau ließ er die Leute hochgehen. (3)

A
ls die Bond-Saga in die Jahre kam, hat Fleming selbst das Alter seines Protagonisten retuschiert. Im Nachruf auf den vermeintlichen Toten schreibt M in Du lebst nur zweimal:

Als er Fettes mit siebzehn Jahren verließ, hatte er zweimal dafür als Leichtgewicht geboxt und dazu die erste ernstzunehmende Judoklasse an einer englischen Internatsschule gegründet. Man schrieb das Jahr 1941: Bond gab sich als neunzehn aus und trat ... in eine Abteilung des Verteidigungsministeriums ein. (4)

Kingsley Amis weist auf die widersprüchlichen Angaben hin:

Es hat heute den Anschein, Bond könne damals vor Kriegsausbruch ... nicht älter als fünfzehn gewesen sein. Er gewann bei dieser Gelegenheit eine Million Francs, die er aber bei seiner Abteilung abliefern musste. Mit Recht. Schließlich ist das entschieden zu viel Taschengeld für einen schottischen Schulbuben, auch wenn er Ferien macht. (5)

So oder so: Bond müsste heute längst jenseits der sechzig oder gar der siebzig sein. Gardner macht ihn aus Plausibilitätsgründen zum flotten Fünfziger. Jetzt fährt Bond statt des alten Kompressor-Bentleys einen Saab, beziehungsweise einen Bentley Mulsanne Turbo (was immer das sein mag), und raucht nikotinarme Zigaretten. Für seine Gespielinnen ist Hochschulabschluss kein Hindernis mehr, ihn zu erobern, wogegen er früher braungebrannten, sportlichen Typen den Vorzug gab. Aber keine Angst: die Nachfolgerinnen von Honeychile Rider und Pussy Galore verlocken trotz Promotion noch immer mit so hinreißend verruchten Namen wie Levander Peacock oder Persephone Proud.

Ein bald sechzigjähriger Supermann? Diese Vorstellung irritiert. Und wie lange mag wohl Ms hundertster Geburtstag zurückliegen? 007, eine Erfindung des kalten Krieges und damals gerade noch vorstellbar, ist ein überlebter Anachronismus geworden. Haben seine Arbeit nicht längst Teams wie die GSG 9 oder die SAS übernommen? Sollten wirklich nur verrückte Milliardäre von phantastischen Verstecken aus die Welt mit Terror und Gewalt überziehen wollen? Bedrohen nicht Terroristen ausgesprochen bürgerlicher Herkunft die westliche Gesellschaft viel mehr? Hätte Gardner also nicht lieber dem erfolgreichen Vorbild der Sherlock Holmes-Adepten - oder John Pearsons - folgen und seinen Helden in der ihm angestammten Zeit belassen sollen?

Diese Fragen bleiben theoretisch, solange noch ein Funken Faszination vom Bond-Mythos mit seinen Ritualen ausgeht, deren Kanon Gardner perfekt beherrscht. Daher wird er wohl noch viele Romane enden lassen können wie Role of Honour:

Bond ging in die Flughafenbar, um die Zeit bis zu seinem Aufruf mit einem großen Brandy zu überbrücken und um über das Vergangene und die Zukunft nachzudenken. Percey hatte rechtgehabt: die Zeit mit ihr war die beste gewesen, aber nun rief die Arbeit, und Bond wusste, dass sie ihn immer wie der zu neuen Gefahren locken würde - und zu neuen, süßen Freuden. (6)


Fußnoten

(1) Dieter Rudloff: James Bond - Heros des Atomzeitalters. In: Die Kommenden. Unabhängige Zeistchrift für freies Geistesleben. Freiburg 1967. Nr. 9. S. 10

(2) Penguin Sherlock Holmes Omnibus. London 1930. S. 493. Übersetzung: K.P.W.

(3) Ian Fleming: Casino Royale. Übersetzung: Günter Eichel. Frankfurt/M., Berlin, Wien (Ullstein) 1960. (Ullstein Buch 809). S. 22.

(4) Ian Fleming: Du lebst nur zweimal. Übersetzung: Dieter Heuler. Bern, München (Scherz) 41976. (Scherz Action Krimi 586). S. 146.

(5) Kingsley Amis: Geheimakte 007 James Bond. Übersetzung: Mechthild Sandberg. Frankfurt/M., Berlin, Wien (Ullstein) 1965. (Ullstein Buch) 550. S. 40.

(6) John Gardner: Role of Honour. New York (Berkley Books) 1984. S, 304. Übersetzung: K.P.W.