
DANIEL CRAIG - angehender Star
oder nicht?
- Ein Kommentar von Lars Zeppernick
-
Wenn man sich Craigs bisherigen
Filmrollen listentechnisch ansieht,
hat er bisher zwar keinen weltweiten
Durchbruch gehabt, aber schon in
einigen Blockbustern eine größere
Hauptrolle gespielt - wenn auch noch
nicht die (!) Hauptrolle. In
Großbritannien ist er eine
House-Hold-number (= anerkannte
Größe auf seinem lokalen Markt,
vielleicht mit Til Schweiger für
Deutschland zu vergleichen).
Wo liegen Probleme, die gegen Craig
sprechen?
In erster Linie wird Craig von
zahlreichen Bondpuristen wegen
seines Aussehens abgelehnt. Viele
Abbildungen präsentieren ihn
„unschmeichelhaft“ als wenig
photogen, während er bei seinem
gestrigen Presse-Auftritt „der
lebendigen Bilder“ beweisen konnte,
daß er schon telegen ist und vor der
laufenden Kamera weitaus anders
wirkt.
So etwas gibt es. Menschen wirken
auf Fotos einfach „unschön“, was
ihrem wirklichen Naturell nicht
entspricht.
Als Erbe und Nachfolger des letzten
Bond-Darstellers steht Craig nun
eine gewaltige „künstliche“ und
„psychologisch“ katastrophale Hürde
bevor. Überzeugte Pierce
Brosnan-Anhänger wissen, daß „ihr“
Star das Feld nicht freiwillig
geräumt hat und wünschen sich
weitere Filme mit diesem
Interpreten, bis jener „freiwillig
und mit dem Argument „aus
alterstechnischen Gründen“
zurücktritt. Ein neuer Mann wird
immer erst einmal abgelehnt.
Aber das ist immer ein Problem, und
liegt in der menschlichen Natur wenn
man als Zuschauer einen Interpreten
besonders gut findet und präferiert.
Den „Timothy Dalton“-Fans ging es
seinerzeit nicht anders und Roger
Moore hatte gegenüber
eingeschworenen Connery-Fans aus den
Sechzigern sogar bis zum Ende seiner
Karriere einen schweren Stand
gehabt.
Trotzdem hat Roger Moore mit seinem
dritten Bondfilm spätestens auch
eine neue Generation an Zuschauern
gewonnen und sich als „ihr“ Star
etabliert.
Auch wenn es Craig vielleicht nie
gelingen mag, echte „Brosnan-Fans“
zu überzeugen, so bedeutet dies
nicht automatisch, daß sein(e)
zukünftige(r)n 007-Film(e)
automatisch an der Kinokasse ein
Flop wird/werden.
Bei George Lazenby sah das 168/69
anders aus, weil sich während der
Dreharbeiten zu „Im Geheimdienst
Ihrer Majestät“ schon abzeichnete,
daß Lazenby keinen Mehrjahresvertrag
unterschreiben wollte und auch
ansonsten duch „unglückliches“ und
tölpelhaftes menschliches Benehmen
gegenüber Schauspielkollegen und den
Produzenten auffiel. Die
Dreharbeiten entwickelten sich zu
einem Tanz auf dem Vulkan, wobei es
am Ende vom menschlichen Standpunkt
aus nur Verlierer gab.
Obwohl der Film qualitativ zu den
Meisterwerken der Serie gehört,
verlor man durch diese „verunglückte
Zusammenarbeit“ mit Peter Hunt einen
großen kreativen Mitarbeiter der
ersten Stunde und hätte sich Lazenby
anders präsentiert - auch einen
zukünftigen Star. Mit (s)einem
vorzeitigen Ausstieg aus der Serie
beraubte Lazenby sich seiner eigenen
Chancen, wobei er dies schon vor
Beendigung der Dreharbeiten zu
seinem Erstlingswerk ankündigte. Das
Merchandising und die Werbung für
den Film waren dann auch so
konfiguriert, daß der Name des
Hauptdarstellers bewußt nicht mehr
(auf Plakaten und anderswo)
herausgestellt wurde, sondern nur
noch die Filmfigur, so daß der Laie
immerhin noch begriff, daß es sich
um einen James Bond-Film handelte.
Bei Timothy Dalton verhielt sich
dies anders.
Sein Einstiegsfilm hatte ein äußerst
veritables Einspielergebnis
außerhalb der USA erzielt, während
man mit „Licence to kill“ sich für
den Massengeschmack zu weit von der
klassischen „Bondformel für die
Filme“ entfernt hatte. Durch eine
eingeschränkte Altersfreigabe und
ungewohnte Brutalität im Mafia-Stil
war ein Teil der Hauptzielgruppe von
diesem Film ausgeschlossen, was sich
am Einspielergebnis des Filmes stark
bemerkbar machte.
Trotzdem war 1990 ein weiterer Film
mit Timothy Dalton in Planung, wie
die Vorankündigungsplakate in Cannes
beweisen, bevor ein Deal mit dem
damaligen neuen
Mehrheits-Anteilseigner Paretti bei
MGM zu stande kam. Die
Finanzierungen für diesen Deal hatte
sich Paretti durch vergünstige
Angebotskonditionen bei
Fernsehensendern im Vorfeld erkauft.
Die Bondfilme wurden ab dem
Zeitpunkt unter Wert verkauft, und
als Albert R. Broccoli davon erfuhr,
war es für ihn kein Thema dagegen
gerichtlich vorzugehen.
Da er somit gegen den Verleiher
gerichtlich vorgehen mußte,
beinhaltete dies auch den Stop und
das Einstellen jegliche Drehoptionen
für den anstehenden dritten
Dalton-Bond. Diese Pattsituation
bestand dann bis 1994, bevor Paretti
von sich aus bei MGM wieder
verabschiedete.
Da Timothy Dalton von der
amerikanischen Presse gerade bei
„LTK“ sehr angegriffen worden war
und die Zuschauerzahlen in diesem
Land für einen Bondfilm sehr
schlecht lagen, hatte man bei MGM
große Sorge, daß dies nach einer
Pause von sechs Jahren für einen
weiteren Timothy Dalton-Bond nicht
gerade einen Anstieg ergeben würde.
In dieser Zeit hatte Timothy Dalton
außerhalb der Bondserie auch keinen
anderen Film gedreht, der in den USA
zu einem Blockbuster geworden wäre,
was seine „Beliebtheit“ beim
amerikanischen Publikum nicht gerade
anwachsen lassen hat.
Man darf davon ausgehen, daß das
Ganze 1994 mit einem
Gentlemen-Agreement geendet hat.
Dalton wollte nach dieser langen
Pause keinen weiteren Film mehr
drehen und traf eine gütliche
Einigung mit den Produzenten. Obwohl
Produzenten und damaliger
Hauptdarsteller somit
unterschiedliche Wege einschlugen,
hat man auf privater und
menschlicher Ebene bis heute in sehr
gutes Auskommen miteinander und ist
weiterhin befreundet.
Man darf davon ausgehen, daß unter
der Prämisse, daß 1991 ein weiteres
Bondabenteuer in die Kinos gekommen
wäre, dieses nicht im Stile von
„Licence to kill“ gewesen wäre,
sondern daß man schon wieder zur
ursprünglichen Formel zurückgefunden
hätte.
Hält man sich als Bondfan mal vor
Augen, daß Roger Moores
Zweitlings-Bond „The man with the
golden gun“ an der Kinokasse auch
„relativ“ (- immer im Zusammenhang
zu den anderen Bondfilm zu sehen,
und nicht mit Filmen allgemein; in
dem Sinne war nämlich bis heute kein
(!) Bondfilm ein Flop) gefloppt war
und es wäre danach eine Pause von
sechs Jahren gewesen, wüßte auch
keiner, ob der Verleih das Risiko
einer Weiterverpflichtung
eingegangen wäre.
Selbst nach Connery würde kein Hahn
krähen, wenn er nach „From Russia
with love“ aufgehört hätte.
Den Nachtragsbonus, den Brosnan
schon mit Beginn von „GoldenEye“
automatisch hatte, war einfach der
Tatbestand, daß dem Gros
anglo-amerikanischer Zuschauer
bekannt war, daß Brosnan eigentlich
schon bei „The living daylights“ die
Hauptrolle spielen sollte.
Regisseur Martin Campbell hat
schließlich bei „GoldenEye“ indirekt
noch einen drauf gesetzt mit
Erwähnung eines rückdatierten Datums
von acht Jahren in der
Pre-Title-Sequenz. Dadurch, das
genau diese Zeitraum im Film genannt
wird, werden die Timothy
Dalton-Filme vom Regisseur zu nicht
existenten Werken abgeurteilt.
Pierce Brosnan wird mit dieser
„eingeblendeten“ Datierung
nachträglich von Campbell auch zum
Bond von 1987 akkreditiert.
Die amerikanischen Medien pflegten
das Thema „Brosnan statt Dalton“
dauermäßig schon ab 1987 wie der
Römer Cato, der Ältere, der immer
wieder darauf hinwies, daß man doch
endlich Karthago zerstören solle.
Dieses jahrelange ewige „Zermürben
des hohlen Steins“ in der
anglo-amerikanischen Presse gegen
Timothy Dalton hat sicherlich auch
dazu beigetragen, daß er von vorne
herein ein gestörtes Verhältnis zu
den Medien entwickelte. In genügend
englischsprachigen Magazinen der
damaligen Zeit wird bei Berichten
zum Thema Bond auch immer Bezug zu
Pierce Brosnan teilweise mit Fotos
genommen.
Verkam Brosnan in der damaligen
Zeitspanne in den Medien zur
tragischen Figur - als der Mann, der
nicht James Bond geworden war - kam
seine Verpflichtung bei „GoldenEye“
förmlich dem Aufstieg des Phoenix
aus der Asche gleich. Vom
chancenlosen Verlierer als
B-Movie-Darsteller in unbedeutenden
Filmen hatte Brosnan mit dieser
Hauptrolle den absoluten Aufstieg in
die Riege der Major-Stars gezwungen
und nutzte die Gunst der Stunde auch
in anderen Filmen sein Geld zu
machen.
Ob diese Presse-Spielchen sich als
Nachwehen der Brosnan-Ära auch
gegenüber Daniel Craig
medientechnisch niederschlagen
werden bleibt erst einmal
abzuwarten. War Brosnan die
„elegante“ Personifizierung der
Filmfigur James Bond im Gary
Grant-Stil wirkt Daniel Craig wie
ein ungeschliffener rauher Diamant.
Interessanter Weise liegt hier
typentechnisch genau die Umkehrung
zwischen Moore und Connery vor.
Wurde Moore immer das Image des
Lordchens (aus die „2“) Bond als
Kleiderständer und Dressman mit dem
sexuellen Charme eines
Edeka-Vertreters von dt.
Medienvertretern wie dem „SPIEGEL“
bösartig unterstellt, entsprach
Connery dem Typ proletarischer
Arbeiter und Totschläger, der
weniger tadelloses Benehmen
präsentierte, aber für den Chauvi
und Macho schlechthin stand.
Star oder nicht Star - der Liam
Neeson der Zukunft?
Ich halte Daniel Craig in dem Sinne
für ähnlich „heiß“ [wobei damit
nicht das Sexuelle gemeint ist] wie
seinerzeit die Verpflichtung von
Halle Berry zu „Die another day“,
bevor sie dann den Oscar bekam und
eine weiterhin beachtliche
Solokarriere hinlegte, die sich auch
finanziell für sie auszeichnete.
Mit der Verpflichtung von Daniel
Craig in Steven Spielbergs neuestem
Film „Munich“ ist Craig auf dem
besten Wege auch in den USA zu einem
bekannten Namen und zum Star zu
werden.
Bei Spielbergs neuem Film geht um
die Attentate auf das Olympische
Dorf in München 1972. Man darf davon
ausgehen, daß Spielberg die Dramatik
und Problematik des Themas ähnlich
diffizil und sensibel angehen wird
wie „Schindlers Liste“ oder den
„Soldaten Private Ryan“. Mit den
beiden genannten Filmen hat er
bewiesen, daß er ein Händchen für
solche „schweren“ historisch
abzuhandelnden Stoffe hat, und
selbst wenn der Film nur den
finanziellen Erfolg von „Amistad“
haben sollte, wird es sich bei dem
Film um ein Doku-Drama und weniger
um einen Actionfilm handeln. Für
Craig ist es jedenfalls ein
hervorragender Einstieg in den
amerikanischen Markt und es würde
mich nicht wundern, wenn er nach
seinem jetzt zu drehenden
zusätzlichen Film mit Nicole Kidman
und dem nächsten Bond Ende nächsten
Jahres ganz oben am Kino-Firmament
ankommt und der absolute Star des
Jahres wird.
Bedenkt man, daß Liam Neeson seinen
Durchbuch bei „Schindlers Liste“
hatte und er danach als Nummer
1-Favorit für die Rolle des James
Bond in „GoldenEye“ war, bauen sich
zu Daniel Craig Parallelen auf. Im
Gegensatz zu Craig hat Neeson, die
Bond-Rolle abgelehnt.
Unter der Prämisse, daß ich Neeson
vorher aus Filmen wie „Excalibur“
und „Darkman“ nur kannte, hätte ich
vor „Schindlers Liste“ mir auch
nicht im Traum vorstellen können,
daß dieser Darsteller als Bond nur
ein Thema gewesen wäre.
Ich gehe davon aus, daß Craig seinen
Weg gehen wird. Ob er nun etwas mehr
oder weniger Zuschauer als James
Bond in Amerika in die Kinos locken
wird, ist für den Dauererfolg der
Filmfigur James Bond Gott sei Dank
nicht so ausschlaggebend, da das
Hauptgeld seit rund dreißig Jahren
außerhalb der USA gemacht wird.
So lange Daniel Craig ab dem dritten
Film die regulären Zuschauerwerte
von 20 Millionen Zuschauer aufwärts
in den USA macht, wird er von
Produzenten- und Verleiherseite
weiter als Bond verpflichtet werden
- vorrausgesetzt das menschliche
Miteinander funktioniert.
Der Rest wird die Zeit zeigen.