Der Anfang vom Ende oder Das Ende vom Anfang?!
- Ein Kommentar von Jörg Pape -

Daniel Craig ist Bond, das muss erst einmal verdaut werden. Ich gebe zu, bis Donnerstag Hoffnung auf Brosnans Rückkehr gehabt zu haben, denn er wäre nach wie vor für mich die „logische“ Wahl gewesen: Der Ire war schließlich akzeptiert und erfolgreich, wenngleich ich seine Filme wahrlich nicht zu den besten der Reihe zähle. Aber das ist eine andere Sache.

Craig hat für mich kaum etwas von Bond. Ich muss schon die großzügige Auslegung von Sean Connery bemühen, der einst sinngemäß (und sicherlich nicht ganz ernsthaft) meinte, dass jeder heterosexuelle Mann, der in der Lage ist aufrecht zu gehen, James Bond spielen könne.

Es fällt mir sehr schwer zum jetzigen Zeitpunkt an Craig Bond-Qualitäten zu entdecken. Zwar hat er sicherlich auch bei mir durch die Pressekonferenz gepunktet, aber ich bin mir nicht sicher, ob hier nur der Schauspieler von dem ganzen Drum und Dran, also der Show, profitierte und etwas Bond-Glamour auf ihn abfiel, oder ob ein wenig 007-Aura tatsächlich von ihm ausging. Das erste offizielle Foto in Bond-Pose und Smoking lässt hoffen, aber andererseits sehen die meisten Männer im Smoking besser (und bondiger) aus als in Straßenkleidung.

Aber was ist mit dem Story-Ansatz eines jungen Bond und seiner ersten Mission - ad acta gelegt, oder? Hat man Brosnan ernsthaft aus Altersgründen gefeuert? Der Ire sieht zehn Jahre jünger aus als er ist, Craig dagegen gut zehn Jahre älter. Bei allem Wohlwollen: Das muss doch auch den Produzenten aufgefallen sein!

Craig ist nach meinem Empfinden kein beneidenswert gutaussehender Mann (trotz Waschbrettbauch), dies unterscheidet ihn von Connery, Moore, Dalton und Brosnan. Aber wenn auch nur die Hälfte von dem stimmt, was die Boulevardpresse über Craig und seine Freundinnen schreibt, dann hat der neue Bond-Darsteller offenbar eine Anziehungskraft auf attraktive Frauen. Ich kann es zwar nicht nachvollziehen, aber ich muss ja auch nicht alles verstehen. Hauptsache, er erfüllt diesen für einen Bond-Darsteller wichtigen Anspruch. Schauspielerisch ist Craig ja scheinbar inzwischen anerkannt, wenn auch (noch) kein großer Star. Dies könnte sich ändern - ich würde aber nicht darauf wetten.

Bisherige Statements zum Drehbuch verwiesen gerne darauf, dass „CR“ der erste Bond-Roman sei und deshalb darin Bonds Charakter festgelegt oder zumindest geprägt worden wäre. Bei oberflächlicher Betrachtung passt das zum Thema „junger Bond“, aber wer den Roman kennt, der weiß, dass 007 darin von Ian Fleming als ältester und erfahrenster 00-Agent vorgestellt wird. Bond ist kriegserfahren und seine Unschuld hat er in jeglicher Hinsicht lange verloren, auch von jugendlichen Erfahrungen keine Spur. In dieser Hinsicht wird Craigs Wahl plötzlich interessant - Clopin und andere wiesen bereits darauf hin, dass der Schauspieler ein Gesicht hat, das von einem harten Leben gezeichnet zu sein scheint. Ich würde Craig jederzeit abnehmen, dass er ein Elitesoldat, Söldner oder auch Agent ist. Aber 007...? Er ist äußerlich eine Art Gegenentwurf zu Brosnan, so weit von ihm entfernt wie innerhalb der Bond-Grenzen (bzw. Anforderungen) möglich. Spröde und rauh statt schön und glamourös. Greift da etwa das Klischee von „Harte Schale, weicher Kern“?

Gehen wir mal davon aus, dass in „Casino Royale“ nicht von Bonds Anfängen die Rede ist. Craigs Verpflichtung bedeutet somit wohl gleichzeitig „das Ende vom Anfang“.

Aber ist seine Verpflichtung auch „Der Anfang vom Ende“ der Bond-Reihe, wie einige Fans prophezeihen?Ich weiß zwar noch nicht, was ich von Craig halten soll, aber bei seinem ersten Auftritt wirkte er sympathisch genug, um ihm Glück zu wünschen und das Beste zu hoffen. Ich will ihn nicht von vornherein schlecht machen, sondern ihm eine Chance geben, mich (und viele andere Zweifler) zu überzeugen. Meine Skepsis gegenüber „Casino Royale“ beruht nicht allein auf seiner Wahl, sondern dem ganzen Chaos um Drehbücher und Schauplätze, um Q und Moneypenny, um Gadgets und die „Nähe“ zum Roman. All das beschäftigt und sorgt mich mehr als die Frage, ob James Bond blond sein darf oder nicht.

Es schmerzt mich als Fan zugegebenermaßen sehr, dass die Ära Brosnan keinen runden, zufriedenstellenden Abschluss bekommt, denn seine Zeit war einfach noch nicht gekommen (eine Parallele zu Dalton). Aber dafür kann Daniel Craig schließlich nichts. Wünschen wir ihm also das Beste - er kann's gebrauchen...

 Jörg Pape