‘all time high’-Review: Ein Quantum anders
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Es ist schon viel geschrieben geworden nach den ersten Pressevorführungen. Die meisten Reviews habe ich mir allerdings gar nicht erst durchgelesen, denn sie enthielten eine Reihe Spoiler, und neben dem, was ich durch die Berichterstattung auf dieser Webseite sowieso schon von der Handlung wusste, wollte ich nicht noch mehr erfahren. Das wenige, was ich von diesen Reviews aber mitbekommen und behalten habe, lässt sich so zusammenfassen: Craig ist gut, Amalric kommt kaum zur Entfaltung, die Story ist konfus, die Action zu lang, der Film aber insgesamt zu kurz, humorlos und unausgegoren. Die meisten Fans, die den Film bereits vorab in England oder bei Pressevorführungen sehen durften und mit denen ich bisher sprechen konnte, beschrieben ihr Empfinden in Extremen: Ein Quantum Trost müsse man lieben oder hassen. Das wurde auch 2002 unter Bond-Fans von Stirb an einem anderen Tag gesagt, dem Film, der bei mir auf der letzten Stelle meiner persönlichen Rangliste rangiert und der 2006 von einem in meinem Empfinden besten Filme der Serie, Casino Royale, gefolgt wurde. Keine gute Vorzeichen also, und ich schraubte meine Erwartungen ziemlich nach unten. Enttäuscht wurde ich nicht, aber euphorisch bin ich auch nicht. Kurz: Ein Quantum Trost reicht bei Weitem nicht an seinen Vorgänger heran. Doch Daniel Craigs zweiter Bond ist ein solider, etwas überdurchschnittlicher Film, weit weg vom unten Ende meiner persönlichen Liste. Dennoch: Ein Hate it or Love it-Film ist der 22. James Bond-Film in meinen Augen nicht, denn er hatte beides: Richtig gute Szene, und einige wenige Momente, in denen ich mich fragte, was das noch mit James Bond zu tun hat.
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Doch der Reihe nach; und Achtung - auch ich werde teils massiv spoilern. Der Film beginnt ohne den Pistolenlauf, wie schon bei Casino Royale. Dem Zuschauer soll deutlich gemacht werden, dass Bonds Wandlung in den Bond, wie wir ihn kennen, noch nicht abgeschlossen ist. Blöd nur, wenn die meisten Zuschauer, die sich nicht wie ich heute Mittag zum wiederholten Male Casino Royale auf DVD angesehen haben und den Film womöglich nur vor zwei Jahren im Kino angeschaut haben, eigentlich gar nicht mehr wissen, worum es geht. Zumal die Schlussszene von Craigs Debütfilm impliziert, dass die Wandlung abgeschlossen ist. Statt der Gunbarrel kriegt der Zuschauer aber eine beeindruckende Landschaftsaufnahme vom Gardasee geboten. Und ich finde, bereits in der ersten Szene erkennt man die Handschrift des Regisseurs: das ist typisch Marc Forster!
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Der eigentliche Film startet dann mit einer Verfolgungsjagd, bei der das nächste Stilmittel eingeführt wird, welches den ganzen Film durchgehalten wird: Wackelige Bilder aus einer Handkamera. Das mag nicht der Geschmack aller Kinogänger sein, aber anders, als viele Fans und Reviewer fand ich die Handkameras weder störend noch deplatziert. Ab der zweiten Actionsequenz habe ich sie eigentlich nicht mehr wirklich wahrgenommen. Am Ende der Sequenz der erste Lacher: Bond kommt im völlig zerschossenen Aston Martin im MI6-Safehouse in Siena an, öffnet den Kofferraum, und der gute Mr. White liegt darin. An dieser Stelle wird noch einmal deutlich, dass der Film wirklich unmittelbar am Ende von Casino Royale ansetzt.
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Und das ist gleichzeitig ein Manko: Wie bereits angerissen, wird vom Zuschauer vorausgesetzt, dass er die Geschehnisse aus Casino Royale präsent hat. Mr. White wird verhört, es wird von Vesper, deren algerischem Liebhaber und dem Liebesknoten gesprochen; später taucht Bond bei Mathis auf, und trotz eines kurzen Hinweises in der Untertitelung, dass er zu Unrecht gefoltert und dafür vom MI6 mit dieser hübschen Villa entschädigt wurde, kann der gemeine Kinogänger wohl recht wenig mit der Person Mathis anfangen.
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Es wurde bemängelt, dass die Story kaum nachvollziehbar sei. Ich hatte den gegenteiligen Eindruck: Nach der doch sehr komplexen Handlung von Casino Royale war die Handlung stringent, obwohl sie an manchen Stellen auf dem Zufallsprinzip aufbaute. Auf der anderen Seite basiert jeder Sonntagabend-Tatort in der ARD auf mehr Zufällen. Als kleinere Schwachpunkte fallen mir lediglich ein: Warum hält sich Greene ausgerechnet in Tahiti in der Nähe einer seiner unzähligen Handlanger auf? Warum hindert niemand Bond daran, sich das erste Zusammentreffen mit General Medrano vom Motorrad aus zu verfolgen? Fühlt Quantum sich so sicher, dass die Organisation hier auf mehr Sicherheitskontrollen verzichtet? Aus welchem Grund genau fliegt Greene nach Bregenz? Ist er einfach nur Opern-Fan? Warum kommunizieren dort alle über Headset? Einfacher kann man eine Terrororganisation ja nun nicht abhören. Warum nehmen Bond und Camille das riesige Transportflugzeug, wo doch nebendran eine nette kleine Cessna steht? Und schließlich der größte Zufall: Warum landen Bond und Camille nach ihrem Flugzeugabsturz ausgerechnet in einem Bergloch, in dem Greene Wasser anstaut?
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Überhaupt, Greenes Plan, und damit zu den Ungereimtheiten. Zunächst einmal gab es schon bösere Pläne von Bond-Bösewichten, als die Wasserversorgung eines südamerikanischen Landes zu übernehmen. Da war ja sogar Trevellyans Ansinnen in GoldenEye, London den Strom abzuschalten, gehässiger. Und dann bleibt die Frage, wie Quantum unbemerkt von Geheimdiensten und sämtlichen Sateliten im Weltall einfach Minen graben und einem ganzen Staat den Wasserhahn abdrehen konnte. Die Organisation kann ja sicherlich viele Beamte schmieren, aber mit Sicherheit nicht alle.
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Ich gebe zu, dass die Vielzahl an Charakteren verwirrend sein kann. Persönlich fand ich Casino Royale in dieser Hinsicht aber schlimmer. Wäre man gehässig, könnte man auch sagen: Zum Glück tötet Bond ja jeden zweiten Nebendarsteller.
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Craig spielt Bond wieder absolut überzeugend und holt aus der Rolle heraus, was er kann. Zu seiner Darstellung ist nicht viel zu sagen, außer: Chapeau, Mr. Craig. Gut gemacht. Mathieu Amalric darf leider nicht zeigen, was er schauspielerisch drauf hat. Das hat aber weniger mit ihm, als mit seiner Rolle zu tun, die ihm wenige Freiräume zur Interpretation bietet. Abgesehen davon, dass Olga Kurylenko bildhübsch ist, kann sie auch noch ganz gut schauspielern. Im Vorfeld hatte ich die Befürchtung, dass Camille nach Wai Lin und Jinx die dritte knallharte Agentin eines anderen Geheimdienstes sein würde, aber zum Glück ist man den Weg weitergegangen, den man in Casino Royale eingeschlagen hat. Obwohl sie unglaublich tough ist, wirkt sie auch unglaublich zerbrechlich. Und diese Rolle spielt Kurylenko mit Bravour. Die Rolle von Fields hätte man sich hingegen genauso wie die von Elvis schenken können. Für den Plot waren beide absolut unnötig. Dafür, dass Taubman die nach eigener Aussage “zweitgrößte Rolle” im Film erhalten hat, war er recht wenig im Bild. Wobei das bei seiner Rolle gut war. Der Tod von Fields ist zwar eine nette Hommage an Goldfinger, aber irgendwie total unnötig. Zumal sich die Öl-These ja als falsch herausgestellt hatte. Giancarlo Giannini und Jeffrey Wright als Mathis und Felix Leiter spielen gewohnt souverän; etwas schade ist es allerdings, dass man Leiter wieder nur wenig Zeit eingeräumt hat.
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Bleibt noch ‘M’. Und hier bin ich mir überhaupt nicht sicher, wie ich ihre Rolle bewerten soll. An Judi Dench liegt es jedenfalls nicht, sie spielt gewohnt souverän. Aber ‘M’ ist mir irgendwie zu launisch. Erst droht sie White im Verhör damit, ihn verschleppen zu lassen, dann ist sie sauer auf Bond ob dessen Brutalität, dann heißt sie seine Aktionen wieder gut, danach ist sie erneut stinksauer, und schließlich reicht eine kurze Begegnung mit Bond auf dem Hotelflur in Bolivien, sie davon zu überzeugen, dass Bond das Richtige tut. Überhaupt, wieso darf Bond auf einmal nicht mehr töten, wen und wie er will? Er ist doch schließlich Doppelnull-Agent. Hier verschließt sich mir die Logik, warum ‘M’ auf einmal Bericht zu jedem toten Landhanger haben möchte. Wäre das schon immer so gewesen, wäre der gute James mit dem Schreiben gar nicht mehr fertig geworden.
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Die Actionsequenzen sind manchmal etwas kurz geworden, was wohl an der Vielzahl der unterschiedlichen Actionszenen liegt. Bond kämpft mit den Fäusten, mit Messern, Pistole und Maschinengewehr, zu Land, zu Wasser und in der Luft. Dennoch hatte jede Actionsequenz ihre Berechtigung, ich empfand keine einzige fehl am Platz oder “eingeschoben”. Den Vorwurf, der Film sei ein reiner Actionfilm ohne jeden Tiefgang teile ich deswegen nicht.
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Und das liegt am Regisseur. Man merkt immer wieder, wie Marc Forster versucht, dem Film seinen persönlichen Stempel aufzudrücken. Das geschieht durch kleine Randaufnahmen, die unheimlich detailiert und liebevoll gestaltet sind, ob die Kinder im bolivianischen Dorf, die Zuschauer beim Palio oder die Partygäste in Bregenz. Und dann natürlich einige grandiose Szenen, wie der Tod von Mathis, als Bond völlig zerrissen ist zwischen Trauer und Wut und man als Zuschauer merkt, dass Bond noch immer nicht ganz mit der Frage abgeschlossen hat,ob Mathis letztlich ein Verräter war oder nicht. Forster zeigt Bond hier innerhalb weniger Sekunden als zerbrechlichen Menschen und eiskalten Killer - und gerade diese Szene fand ich extrem stark.
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Auch die Action wurde von Forster anders konzipiert, als das bisher der Fall war. Dabei wurden vor allem, wie bereits angesprochen, Handkameras verwendet. Ganz stark ist vor allem die Tosca-Sequenz, als sich die Action parallel zur Bühnenhandlung und unter der Musik Puccinis abspielt. Ganz großes Kino!
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Und was war sonst? Der Titelsong von Alicia Keys und Jack White wird auch mit dem Vorspann nicht besser, zumal da nochmals an ihm herumgeschnippelt wurde, um auf die Bilder zu passen. Überhaupt: Die Titelsequenz gibt man bei Bond 23 besser wieder an Daniel Kleinman zurück, genauso wie die Gunbarrel. Forster hat sich und den Fans mit MK12, die sich für beides verantwortlich zeichnen, keinen Gefallen getan. Zum Humor: Der Humor kommt nicht zu kurz, es gibt eine ganze Reihe One-Liner. Dass Bond Greene nicht tötet, finde ich eine abwechslungsreiche Idee. Und wirklich zu kurz fand ich den Film auch nicht: Vielleicht hätten ihm fünf bis zehn Minuten mehr gut getan. Mehr aber auch nicht. Dann hat der Film hübsch designete Untertitel mit der Info, wo wir uns gerade befinden. Aber anders, als z.B. Siegfried Tesche in seinem Spiegel-Review schreibt, gab es Ortseinblendungen nicht zum ersten Mal in einem Bond-Film. Schon Casino Royale und diverse Brosnan-Bonds hatten diese. Sie sahen dieses Mal nur, in meinen Augen, hübscher aus. Und schließlich noch eine interessante Randnotiz: Hat Bond schon jemals zuvor Bier getrunken?
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Eine Sequenz spiegelt mein Empfinden des Films eigentlich perfekt wieder: Die Bregenz-Szenen. Wie beschrieben, finde ich, dass die Tosca-Sequenz der mit Abstand beste Filmabschnitt ist. Und das, wo die komplette Sequenz eigentlich total untypisch für einen Bond-Film ist. Ein Quantum Trost ist eben ein Quantum anders: Es ist kein typischer Bond-Film. Bond-Stimmung kam erst mit dem Gunbarrel am Ende des Films auf. Aber vielleicht muss man sich in seinem Denken einfach nur von den verklärt-romantischen Gefühlen lösen, die man als Fan mit den alten Bond-Filmen asoziiert. Man darf sich nicht fragen, wie Connery vieles gelöst hätte, oder warum Moore nie so brutal war. Und man darf sich nicht in die Welt der 1960er und 1970er Jahre zurückdenken. Man muss sich vergegenwärtigen, dass ein Bond-Film immer seine Zeitumstände wiederspiegelt. Und das hat man mit Resourcenkrieg und dem Misstrauen der Geheimdienste eigentlich genauso gut geschafft, wie es die früheren Bond-Filme mit Atombomben, Voodoo und Dechiffrier-Maschinen zur jeweiligen Zeit getan haben. Ich bin mir sicher, dass ich in einigen Jahren auch auf Ein Quantum Trost verklärt-romantisch zurückblicken werde. Und dann ist das mit dem spontan fehlenden Bondfieber auch nicht mehr so schlimm.
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Da trotz vieler möglicher weiterer Ansatzpunkte die Handlung von Casino Royale und Ein Quantum Trost mit M’s Aussage, Greene sei tot und der späteren Gunbarrel prinzipiell abgeschlossen ist, können wir darauf hoffen, Craig in Bond 23 in einem Bond-Film zu sehen, der der traditionellen Bond-Formel folgt. Trotz aller Originalität und trotz allen positiven Innovationen: Über einen ’stinknormalen’, formelhaften Film würde ich mich sehr freuen.
